Kurt Meier - Ich lese gerne die Geschichten von meinem Freund Rolf Hannes, bei www.futura99.de

Auf dieser von mir neu eingerichteten Seite gibt es immer einen oder mehrere Links, die zu interessanten Geschichten führen. Manchmal sind auch kurze Notizen hier direkt auf dieser Seite zu lesen.

Zurück zum > INHALTSVERZEICHNIS
Eine Geschichte von Kurt Meier


Der Goldhamster

Am Anfang war ich viel alleine in meinem Druck-Atelier für Originaldruckgrafik, wartete auf Kundschaft und experimentierte mit eigenen Arbeiten, um das Drucken zu lernen. Ich freute mich über jeden Besuch, und wenn es nur Gespräche waren. Leider weiss ich es nicht mehr genau, aber ich vermute, dass es ein weibliches Wesen war, das mir bei einem solchen Besuch einen Hamster im Käfig schenkte. Der würde mir immer Gesellschaft leisten, und ich wäre nicht mehr so alleine, war die Begründung. Meine Freude war mit Befürchtungen gemischt. Wie verträgt ein Hamster die Farbgerüche oder die Dämpfe der Lösungsmittel? Soll ich jetzt auch noch Futter und Einstreu bezahlen, wo ich so schon kaum genug Geld für meine wenigen Bedürfnisse habe? Aber es kam ganz anders. Futterspenden trafen regelmässig ein, und der Hamster fühlte sich anscheinend bei mir im Atelier pudelwohl. Er wurde grösser und dicker. Als ich in die Remise, den Raum neben dem ehemaligen Pferdestall, umziehen konnte, kam meine neue Vermieterin ab und zu in meine Werkstatt und entdeckte natürlich auch den Hamster. Da ich sehr mager und immer ein wenig verlaust daherkam, dachte sie sicherlich, ich würde auch den armen Hamster mit der Ernährung zu kurz halten. Dabei war der Hamster so kugelrund wie die Vermieterin! Gleichwohl, sie brachte ab und zu etwas für den Hamster mit. Beim ersten Mal war ich so in meine Arbeit vertieft, dass ich viel zu spät bemerkte, was sie ihm verfüttert hatte: mindesten 50 Gramm Bündnerfleisch! Was den Hamster nicht davon abhielt, seine diversen Geschäftchen auf dem wunderbaren Fleisch zu hinterlassen. Von da an passte ich auf! Natürlich bekam mein Hamster seine Tranche, aber der Rest war für mich, denn sowas Teures konnte ich mir nicht leisten. So ein- bis zweimal im Monat kam ich auf diese Weise zu einem genussreichen Nachtessen. Das ging ungefähr ein halbes Jahr lang gut, dann passierte das Schreckliche. Als ich eines Morgens ins Atelier kam und zum Hamster schaute, hing er leblos von der Käfig-Decke, in die sich ein Fuss verhakt hatte. Vielleicht hatte er zu viel Bündnerfleisch gefressen, hatte davon zu viele Muskeln bekommen und aus Übermut die schwierigsten, akrobatischen Übungen vollbracht, die ihm in dieser Nacht zum Verhängnis wurde?