

Die Vorstellung hat schon begonnen / Das kleine Portrait für Christina
Ein Film von Kurt Meier
Filmbesprechung von Reinhardt Stumm, Basel / www.webjournal.ch
Was hat Kunst mit Gummischürzen und Gummihandschuhen, mit kräftig fliessendem Wasser und Bürsten, mit Krach, Schleifmaschinen und Schleifpasten zu tun? Wenig, wenn man feinsinnig und zart, Ästhet und voller Schöpfergeist ist. Viel, wenn man den Boden noch unter den Füssen hat und weiss, was Hand-Werk ist. Wer vergessen hat, dass Kunst Arbeit ist, wird sich hier mit Vergnügen erinnern lassen, umso mehr, als er einer Handwerkerin zuschaut, die ihr Metier aus dem ff beherrscht.
Ein Experte beobachtet eine Meisterin. Kurt Meier, lange als der Lithograph in Basel tätig, bevor er seine Werkstatt aufgeben musste, beobachtet Christina Jermann in einer Lithographierwerkstatt bei der Arbeit. Welch ein Vergnügen, so aus dem Vollen schöpfen zu können, man vergisst beinahe, dass auch Filmen (hier mit der Videokamera) Arbeit ist.
Wenn Kurt Meier einen Film macht, muss man nicht feinsinnige Nadelarbeit erwarten, dafür hat er keine besonders stark entwickelte Neigung. Was man erwarten darf, ist die Vermittlung einer sehr plastischen Vorstellung von Arbeit, die Kraft für die Umsetzung des Zartesten braucht, Sensibilität da, wo die Finger steckenbleiben, wenn man nicht aufpasst, und Geduld gerade da, wo es schnell gehen soll.
Und wenn Kurt Meier einen Film über Christina Jermann macht, bekommen wir genau das und finden es in höchstem Masse vergnüglich. Aber wir werden nicht nur die Werkstatt geschleppt, wo Christina Jermann uns daran erinnert, was für eine Sauarbeit das Schleifen der Lithosteine macht, wir werden auch als Schwarzfahrer in die Bahn mitgenommen. Das kleine Porträt für Christina, so heisst der Film im Untertitel, erzählt nämlich auch, was ziemlich einmalig sein dürfte. Die Künstlerin arbeitet in der Bahn, im Vorortzug, auf dem Weg von Liestal nach Basel. Sie porträtiert Fahrgäste, die ihr auf den Bänken gegenüber sitzen mittlerweile eine verabredete Sache, man kennt sie, sucht die Begegnung, die Kundschaft geht ihr da nicht aus. Und weil dieses Atelier öffentlich ist, geht auch das Gespräch nicht aus, die Kenner schauen ihr neugierig über die Schulter und bilden sich ihre Meinungen auch eine Form von lebendigem Kunstunterricht.
Natürlich gibt es ein Leben in der Familie, an dem wir teilhaben, und wie wohltuend ist es, so etwas wie ein ganz natürliches, unverbildetes Gefühl für Diskretion und Takt zu erleben, das einem erspart, in persönliche Lebensbereiche gezogen zu werden, die mit der Geschichte gar nichts zu tun haben.
Man kann diesen 40-Minuten-Streifen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln sehen und wird immer sein grosses Vergnügen daran haben. Der hier filmt, ist kraftvoll und direkt im Zugriff, voll respektvoller Neugier und spürbarer Anteilnahme. Welch ein Vergnügen!
Reinhardt Stumm.





Der Zuschauer im Kino kann sich ganz den Bildern hingeben. Gesprochenes bleibt im Hintergrund, es drängt sich nicht ins Ohr. Wir sehen Christina, die Künstlerin, gleich eingangs, wie sie einen Mann besucht, der an einer Steinsäge arbeitet. Sie schaut der Säge zu, die sich durch Granitblöcke frißt, um sie in Platten zu zerlegen. Für die Geschichte unwichtig ist, ob Christina ihren Ehemann, ihren Bruder oder einen Freund besucht, der diese harte Arbeit winters draußen verrichtet. Wichtig ist der Kontext, den der Zuschauer durch diese eindrücklichen Bilder erfährt: die Künstlerin ist vom gleichen Schlag wie der Mann an der Säge. Sie ist keine, die beiseite steht, sie ist eine Zupackende. Wenn ich den Film richtig verstehe, ist es dieser Charme, dem Kurt Meier filmisch auf die Spur kommen möchte.
Behutsam unaufdringlich beobachtet die Kamera Christina, diese anmutige schöne Frau, wie sie die schweren Lithosteine wuchtet, sie abschleift, auf ihnen ihre Zeichnungen entwirft, den Stein präpariert. Es sind tausendfältige Hantierungen, die es braucht, bevor die Lithografie auf der Druckpresse entsteht.
Die Kamera begleitet die Künstlerin in Vorortzügen, die ihr soviel Muße lassen, um manchmal Mitreisende zu portraitieren. Wir sehen sie in ihrem Atelier, mit ihren Kindern zuhause, sehen sie in scherzender Laune mit Freundinnen, erfahren sie in der Umgebung einer Gruppenausstellung, die sie mit einrichtet. Und immer wieder kehrt die Geschichte zu den solnhofener Lithosteinen zurück, woran die Künstlerin mit konzentrierter Hingabe arbeitet.
Die Kamera hat eine große Verbündete, das ist die Musik des Films. Sie stammt von Harald Kimmig, einem hochbegabten Musiker, der sich ganz der Improvisierten Musik verschrieben hat. Seinem Instrument, der Geige, entlockt Kimmig die aufregendsten Töne und Geräusche: Säuselndes, Knarzendes, Klopfendes, Zirpendes, Hauchendes, Wehendes. Alles, was sich auf und mit einer Geige anstellen läßt, gehört zum Repertoire Kimmigs. So entsteht ein eigenwilliger, einmaliger musikalischer Dialog zu den Bildern, der nichts gemein hat mit einem Soundtrack landläufigen Sinns.
Rolf Hannes.
Filmbesprechung von Rolf Hannes, D-Freiburg i.Br. / www.rolfhannes.de
Wer Kurt Meier nach dem Titel seines Films fragt, bekommt eine bemerkenswerte Antwort. Weißt du, sagt er, vor drei Jahrzehnten gab´s ein exquisites Kino, dessen Filme mich nachhaltig geprägt haben. Sobald das Programm gestartet war, hing ein Schild an der verschlossenen Eingangstüre mit dem Text: Die Vorstellung hat schon begonnen.
Damals wußte ich, sollte ich je einen Film machen, daß er so heißen müßte: Die Vorstellung hat schon begonnen.
Mehr will und kann Kurt Meier nicht verraten, es käme ihm wie eine müßige Erklärung vor. Er hat aber nichts dagegen, wenn dieser kleine Satz den Betrachter seines Films zu weiteren Gedanken anregt. Und mich zumindest regt er zu einem ganz wesentlichen Gedanken an, nämlich zu diesem: Alles von Wert, das sich uns erschließen will, möchte unsre ungeteilte Zuneigung. Wir können es uns nicht aufs Geratewohl anschauen (halben Herzens, würde
Kurt Meier sagen), wir sind es ihm schuldig, ihm unsre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Ansonsten ist die Türe verschlossen, die Vorstellung hat schon begonnen.
Meiers Film ist ein leiser, zurückhaltender Film. Nirgendwo verstellt er das Wesentliche durch ausgeklügelte Dramaturgie. Er unterläuft die gängige Sehweise des dramaturgischen Schnitts, er möchte den Betrachter nicht in eine dramatische Geschichte verwickeln, er erzählt einfach aus dem Leben einer Künstlerin. Denn Kurt Meier weiß, daß sein Film kein umfassendes Portrait der Künstlerin geben kann, sondern nur ein Kleines Portrait für Christina.
FARBTÖNE EIN FILM VON KURT MEIER
2009
ZEIT 25 MINUTEN/FORMAT 16:9
REGIE UND SCHNITT KURT MEIER
ELISABETH MESSMER, STIMME DIETER LOEW, BASSGEIGE HANS REMOND, SAXOPHONE
PREIS FR.35.00 OHNE PORTO
FARBTÖNE
Ein Film von Kurt Meier
Filmbesprechung von Rolf Hannes, D-Freiburg i. Br.
www.rolfhannes.de
Drei Musiker begegnen sich in ihren Instrumenten:
Hans Rémond spielt Saxophon, Dieter Loew Baßgeige, Elisabeth Messmer gesellt sich dazu mit ihrer Stimme. Der physikalische Raum ihres Musizierens ist das Atelier des Malers Rémond. Und wenn sie sich treffen, ist Ihr Musizieren für nichts weniger als für außenstehende Zuhörer bestimmt.
Worin besteht nun das abenteuerliche Experiment dieses Films von Kurt Meier? Es besteht in dem Wagnis, etwas Hörbar zu machen, was sich landläufigen Kategorien des Hörens entzieht. Kurt Meier, Künstler wie Hans Rémond und mit der Sprache der bildenden Kunst vertraut, nennt seinen Film FARBTÖNE. Es ist, wie wenn er beim Betrachter und Hörer seines Films dessen inneres Ohr ansprechen wollte. Auch sein inneres Auge, sonst entgeht ihm Wesentliches, wenn nicht alles. Betrachten wir die erste Szene des Films. Nicht Musik erklingt, wie sie im Konzertsaal oder bei Hausmusiken zu hören ist, sondern es ereignet sich etwas kaum Sichtbares, kaum Hörbares. Es geschieht nichts und doch etwas sehr Aufregendes für den, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Hans Rémond schlüpft aus seinen Sandalen, um noch leiser aufzutreten als eine Katze. Als Hausherr eröffnet er das Spiel, indem er in die freie Mitte des Ateliers geht, sozusagen in den Raum jenseits der Instrumente, und eine kleine weiße Kugel über den Boden kullern läßt.
Nur wenn der Betrachter des Films bereit ist, sich ähnlicher Intensität meditativer Konzentration hinzugeben, wie es das musizierende Trio im Verlauf des Films vermag, wird er dieser Musik teilhaftig. Einer Musik, die in der Aufmerksamkeit des Augenblicks entsteht, als Zwiesprache dreier Instrumente, so gültig wie das Rascheln des Winds in Gräsern, der Brandung des Meers, des Kickens und Seufzens in einer menschlichen Stimme, mit kindlicher Fröhlichkeit und kindlicher Ernsthaftigkeit. Mir scheint, erwachsene Ernsthaftigkeit ist überhaupt nicht gefragt bei diesen Dreien. Eher ist es pure, auch schalkhafte Freude, die sich in Lebendigkeit äußert. Etwa in der Szene, wo ein Stuhl über den Boden geschlenkert wird. Auf seine leere Sitzfläche läßt sich leicht der Hintern eines Zeitgenossen denken, der um Verständnis ringt. Und er wird so lange hin und her geschubst, bis ihm aufgeht, was gespielt wird. Für mich eine wunderbare, überzeugende Anleihe bei Dada.
Kurt Meier wagt es, diese kaum zu zeigende, schon gar nicht herzeigbare, intime Meditation zu filmen. Er war sich bewußt, dies kann nur mit größter Behutsamkeit gelingen. Diese Musik, die ich nicht improvisiert nennen möchte, sondern meditativ, kommt aus der Stille, und nur diese Stille will sie hörbar machen.



PRÄSENZ
IMPROVISATION
MIMIK
Die Musiker nach der Premiere am 18.März 2009 in der Musik-Akademie Basel.
..... und ich merkte, dass ich mich wohl noch eine Weile scheue, die DVD einzuschieben, um nicht die Eindrücke der ersten Begegnung mit Film und Publikum zu überdecken.
Immer klarer wurde mir, was du, lieber Kurt, vollbracht hast: das hat mit den Aufnahmen begonnen dein diskretes Agieren liess ich spreche nur von mir den Gedanken an Gefilmt-Werden eigentlich gar nicht aufkommen und liess damit auch die Frage nach dem optischen Erscheinen der Körperlichkeit (simpel gesagt: die Frage Was mache ich für eine Falle) vergessen. Ich konnte ganz bei der Musik, ihrem Entstehen bleiben was ja in gewissem Sinn schon genug Risiken birgt. Und was du dann aus dem Material gemacht hast: für mich ist es wie ein Weitergehen mit der Entmaterialisierung wir erscheinen zwar im Bild, aber wichtig wird die innere Präsenz, die wir in oder mit der Musik gestalten, die du aber für den Hörenden und Schauenden gar erst zum Ausdruck gebracht hast. Dafür bin ich dir gegenüber voller Bewunderung und Dankbarkeit.
Elisabeth Messmer, Stimme
Schon bei der Aufnahme hatte ich ein eigenartiges Erlebnis:
Es war, als ob du mitten zwischen uns dreien wärest, unsichtbar oder doch so winzig wie eine Maus, die über den Boden springt, oder wie ein Holzwurm im Parkett.
Mit dem ersten Ton warst du verschwunden und bliebst doch gegenwärtig. Deine unsichtbare Gegenwart hat uns durch die ganze Dauer der Aufnahme begleitet.
Ähnlich ging es mir bei der Wiedergabe: Als ich den Film sah, war es mir wieder, als wäre ich ein Teil der Improvisation. Da gab es nur ein Innen, kein Aussen, nur die Improvisierenden, kein Publikum. Die Musik, die Töne, die Geräusche ertönten nur für sich und für einander. Ich fand, wie während der Aufnahme, ein Gefühl wieder, das ich mit Intimität bezeichne.
Dieter Loew, Bassgeige
Mein erster starker Eindruck vom Film:
Die Präsenz vom Raum!
Das Detail mit der Kugel hat mir natürlich gefallen. ..... und das war eine Überraschung für mich:
Die Gestik von uns Musikern.
Die Mimik von Elisabeth, die expressive Bogenführung von Dieter, die Haltung von mir.
..... die Fragilität von uns dreien die Du im Film herausarbeitest, hat mich fasziniert.
Hans Rémond, Saxophone
DIE VORSTELLUNG HAT SCHON BEGONNEN DAS KLEINE PORTRAIT FÜR CHRISTINA
2004
ZEIT 40 MINUTEN/FORMAT 4:3
REGIE UND SCHNITT KURT MEIER DREHBUCHNOTIZEN KURT MEIER
MUSIK HARALD KIMMIG
PREIS FR.35.00 OHNE PORTO
DIE UNBELIEBTEN AUSSENSEITER 1959-1969 KÜNSTLER IN BASEL
MUSIK: RAPHAEL BENJAMIN MEYER
2010 FÜR DEN JERRY GOLDSMITH AWARD NOMINIERT IN DER SPARTE "BEST MUSIC IN DOCUMENTARY"
EINE KC1 DOKUFILMBASEL PRODUKTION 2010 UNTERSTÜTZT DURCH KULTUR, BASELSTADT UND KULTURELLES, BASELLAND
ZEIT 97 MINUTEN / FORMAT 16:9
REGIE UND SCHNITT: KURT MEIER
AUTOREN: KURT MEIER, KERSTIN MEHLE, REINHARDT STUMM
SPRACHEN: SCHWEIZER DEUTSCH, DEUTSCH
PREIS FR.39.00 OHNE PORTO